Impulsar a los hermanos ("Die kickenden Brüder")

STREETWORKER In den Problemvierteln des Ruhrgebiets nimmt die Verwahrlosung von Jugendlichen zu. Jeder Dritte ist in Schalke arbeitslos,Kinderarmut wächst. Die Ordensgemeinschaft der Amigonianer kämpft dagegen an Von Constanze Bandowski alles klar, Pastor?

Elisenalungert im Eingang der Hauptschule an der Grillostraße herum. Sie ist ein typischer Teenager der neunten Klasse: lange Haare, dunkler Lidstrich, schwarzer Lederblouson, pinkfarbener Schal. Wie jedenMittag quatschen die Mädchen nach Schulschluss noch eine Runde, bevor sie in den Schülertreff der Amigonianer gehen.Jungs mit gegelten Haaren und Baseball-Kappen schlendern vorbei und klopfen Sprüche. Als Bruder Anno um die Ecke kommt, begrüßen ihn alle herzlich.Sie reichen die Hände, umarmen ihn, strahlen. „Bruder Anno ist voll in Ordnung“, sagt Elisena. Die anderen finden das auch.„Das war hier voll die tote Schule“, erinnert sich Zeinab im Schülertreff. Die Zwölfjährige sitzt auf dem Sofa und zwängt ihre Füße in ein Paar Inliner.„Jetzt können wir hier rein, wenn’s draußen ungemütlich ist. Wir haben Tischtennis, Kicker, basteln und spielen. Das macht total Spaß.

Wir amüsieren uns und die helfen uns dabei mit Englisch und so.“Die – das sind der Erzieher David Klemen, die polnische Lehrerin Sylwia Kalita und Anno Müller, Mitglied des spanischen Kapuzinerordens der Amigonianer.Seine Gelsenkirchener Kommunität hat den Schülertreff in Schalke im August 2008 eröffnet, nachdem sie zwei Jahre ein offenes Spielangebot geleitet hatte.„Der Stadtteil hat einen schlechten Ruf“, sagt Bruder Anno. „Früher verlief hier die Prachtstraße der aufstrebenden Stadt Gelsenkirchen. Jetzt ist Abstieg angesagt.“Der 41-jährige Pädagoge und Theologe weiß, wovon er spricht. Sein halbes Leben hat der Kölner bereits der Jugendarbeit gewidmet. Seit seinem ewigen Gelübde 1993 arbeitet der Priester in Gelsenkirchen. In Schalke ist jeder Dritte arbeitslos, unter Ausländern jeder Zweite, und die Kinderarmut übertrifft nochden traurigen Rekord von 28,1 Prozent, mit dem Gelsenkirchen die höchste Quote in Nordrhein-Westfalen aufweist. Um die Jugendlichen von der Straße zu holen und ihnen Perspektiven aufzuzeigen, setzen Anno Müller und seine drei Mitbrüder auf offene Jugendarbeit.„Manche machen Probleme“, sagt Bruder Anno, „aber sie sind kein Problem.“Das ist so etwas wie ein Credo seines Ordens. Der spanische Gefängnisseelsorger Luis Amigó gründete ihn 1889 in Valencia, um benachteiligten Jugendlichen neue Chancen zu bieten. Seitdem setzen sich die Amigonianer weltweit für kriminalisierte und schwer erziehbare Mädchen und Jungen ein. Sie arbeiten in Erziehungsheimen, Schulen, Gefängnissen, Stadtteilprojekten. In Deutschland leben zwei Mitbrüder in Köln, vier in Gelsenkirchen.Der Tisch ist gedeckt. Salat, Oliven und Artischocken stehen bereit.

Auf dem Herd brutzelt eine Paella. Orgelmusik dröhnt auf voller Lautstärke aus dem Kassettenrekorder.„Essen!“, ruft Bruder Lucinio in den Flur hinaus. Der Grauhaarige mit dem Rauschebart wischt seine Hände an der blauen Schürze ab und setzt sich. Diese Woche hat er Küchendienst. Bruder Alois und Bruder Anno eilen an den Tisch. Der Vierte und Jüngste im Bunde, Bruder Tim, studiert an der Uni Theologie und kommt heute nicht zum Mittagessen.Die drei Männer falten ihre Hände, murmeln abwechselnd ein Gebet.Nach dem Amen fragt Bruder Alois: Trinkt ihr Wein?“, dann schenkt er Rioja aus der Heimat ein.Pater Alois Gómez de Segura kam 1969 in den Bonner sozialen Brennpunkt „Auf dem Hügel“. „Wir haben uns einfach eine Wohnung mitten im Stadtteil gesucht und mit den Kindern Fußball gespielt.“Der spanische Priester lacht herzhaft.Fast klopft er sich auf die Schenkel bei dem Gedanken an seine ersten Tage in Deutschland. „Die Leute dachten: Was sind das denn für komische Spanier?“ Lässig sitzt der Mittsechziger im Sessel des Wohnzimmers seiner Männer-WG: ein weißhaariger Mann mit verschmitzten Augen hinter der Nickelbrille, Kordhose und Wollpullover mitten in überbordendem Gelsenkirchener Barock: Eichenschrankwand, Häkeldeckchen, Krimskrams, Fetthenne auf der Fensterbank.Dazwischen Bibeln, Tageszeitungen, pädagogische Abhandlungen.„Wir waren Ausländer wie alle anderen auch“, erinnert sich Bruder Alois.Aber sie waren eben doch anders: Geistliche, Theologen, Erzieher. Menschen mit einem Auftrag. Ihre Mission lautete, die Jugendlichen aus dem Kreislauf der Benachteiligung herauszuholen. Also zogen sie mitten in den Stadtteil, fingen an zu bolzen und bauten behutsam Vertrauen zu den Anwohnern auf. Damit legten der damals 25-jährige Alois Gómez de Segura und seine Mitbrüder den Grundstein für die stadtteilorientierte, offene Kinder-, Jugend- und Familienarbeit der Amigonianer in Deutschland.Knapp zwanzig Jahre später übertrugen die Ordensbrüder ihr Konzept auf die problematische Siedlung an der Aldenhofstraße in Gelsenkirchen-Feldmark.Die ersten drei Amigonianer um den spanischen Pater Juan, der sich einen Namen als Bruder Johannes machte, bezogen zu dritt eine Sozialwohnung gegenüber dem Bolzplatz. Sie richteten im Keller ihre Kapelle ein, schnappten sich einen Fußball und begannen mit den Jugendlichen zu kicken. Aus dem ersten Kontakt entstand 1989 auf der Wiese direkt neben dem Bolzplatz der Jugendtreff.

Am Nachmittag düsen Kinder mit Fahrrädern, Cityrollern und Rollerblades um das Holzhaus herum. Sie toben auf dem Spielplatz, zielen auf Tore, johlen, lachen, grölen. Mädchen üben mit Hula-Hoop-Reifen und Stelzen. Malek und Kerim haben keine Lust mehr auf Tennis.Sie flitzen durchs Haus in die Bastelecke, wo Bruder Lucinio mit den Kleinen malt.„Hier Luci“, keucht Malek und reicht ihm Ball und Schläger. „Was bekommst du von mir?“, fragt der Mönch mit seinem spanischen Akzent und wühlt aus der Hosentasche 20 Cent hervor. „Ist das richtig?“ Malek nickt, nimmt das Pfand und haut sich aufs Sofa zu den Kumpels.Bruder Lucinio grinst. „Solche Regeln machen uns das Leben einfacher“, sagt er, dann wendet er sich Miguel zu, der seinen Tyrannosaurus Rex auf dem Papier gritzegrün angemalt hat.Klare Leitlinien, Zuwendung, Respekt, Solidarität. Das sind die Werte, auf denen der Treff basiert. Niemand wird zum Christentum bekehrt. Die meisten Jungen und Mädchen sind sowieso Muslime.80 bis 100 Kinder und Jugendliche verschiedenster Nationalitäten kommen im Durchschnitt täglich hierher. Den Überblick behält Michael Niehaus. Ruhig steht der 37 Jahre alte Sozialpädagoge am Tresenund begrüßt jeden Einzelnen. Der Geräuschpegel scheint ihm nichts auszumachen:Bässe aus der Stereoanlage mischen sich mit dem Klackern von Tischtennis, Kicker, Billard und elektronischem Dart, dazu kreischende Kinder und lautstark dröhnende Jugendliche.An den Wänden hängen Poster von Popstars und Schalke 04 sowie Sprüche wie „Gott hat uns lieb“. Ozan hat Thekendienst und verkauft Schokoriegel und Brause etwas über dem Selbstkostenpreis.„Heute ist es relativ ruhig“, sagt Michael Niehaus. „Im Sommer sind es noch viel mehr.“ Da er selbst in Feldmark aufgewachsen ist, sein erstes Praktikum 1991 im Jugendtreff gemacht hat und mit seiner Familie immer noch im Stadtteil lebt, kennt er jeden Besucher, auch die potenziell Auffälligen. „Ärger mit der Polizei hatte im letzten Jahr keiner“, erzählt der groß gewachsene Mann nicht ohne Stolz.Drogen, Diebstahl und sonstige Kleinkriminalität sind in Feldmark und dem benachbarten Schalke weitverbreitet.Fatih ist 18 Jahre.

Mit hochgeschlagenem Kragen schlendert er gegen 17 Uhr in den Jugendtreff. Er begrüßt Michael Niehaus, Ozan und die Kollegen beim Dart. Fatih ist ein alter Hase bei den Amigonianern.Seit knapp zehn Jahren kommt er hierher. „Der Jugendtreff hat für mich eine große Bedeutung“, sagt ernachdenklich. „Hier wird man anders erzogen.Die Kinder lernen etwas. Ich hab hier meine Kollegen gefunden, meine Fehler entdeckt – ich bin froh, dass es das hier gibt.“ Fatih ist Türke. Er wurde in Herten geboren, zog als Grundschüler nach Gelsenkirchen und besucht seitdem so oft es geht den Jugendtreff. Er kennt das Ferienprogramm mit Radtouren, Schwimmbad, Fußball, Ausflügen und der Gruppenfreizeit in der Eifel. „Man kann hier viel mehr machen als zu Hause“, sagt er.Die Gesamtschule hat Fatih nach der Zehnten abgebrochen. „Ohne Hauptschulabschluss“, brummelt er und richtet seinen Blick fest auf die schwarzen Schuhe.„Schule, das war nix für mich.“

Trotzdem geht es weiter. Seit einem Jahr arbeitet er in einem Kühlhaus in Teilzeit, bald soll er einen festen Vertrag bekommen.Vielleicht wäre sein Leben anders gelaufen, hätte er die Hausaufgabenhilfe in Anspruch genommen. Einige seiner Kollegen haben damit sogar das Abitur geschafft.Miribam will unbedingt studieren. Was, das weiß die 14-jährige Türkin noch nicht. Tief hängt ihr Kopf über den Matheaufgaben.Multiplizieren von Dezimalbrüchen. Im Hausaufgabenraum herrscht Stille. Kleine Grüppchen haben sich an den Tischen verteilt und arbeiten mit höchster Konzentration.Miribam übt für ihre nächste Arbeit. „Ich gehe gern zur Schule“, sagt sie schüchtern. Beim Sprechen blitzt eine Zahnspange auf. Als die türkische Familie vor vier Jahren aus Ankara nach Gelsenkirchenkam, sprach Miribam kein Wort Deutsch. Durch die Hausaufgabenhilfe im Jugendtreff hat sie riesige Fortschritte gemacht. Sie hat den Wechsel aufs Gymnasium geschafft und schreibt in der sechsten Klasse gute Zensuren.„Ich komme gern hierher“, sagt sie später in der Mädchengruppe. Wo sonst hätte sie die Möglichkeit, mit anderen Teenagern ganz gemütlich eine Lichterkette zu basteln, sich wohlzufühlen, zu klönen und zu lachen? Für ihr erfolgreiches Engagement im Jugendtreff erhielten die Amigonianer im vergangenen Jahr den vom Essener Bischof vergebenen Heinrich-Brauns-Preis.Das Preisgeld von 5000 Euro setzte Bruder Anno direkt für die Jugendlichen ein und gründete in Kooperation mit der Mobilen Jugendarbeit zwei neue Zentren in Gelsenkirchen: den Schülertreff in derHauptschule an der Grillostraße und den Jugendladen „Zone 14“ an den Robert-Geritzmann-Höfen, nicht weit vom Jugendtreff der Amigonianer entfernt.„Zone 14 ist heute geschlossen“, erklärt David Klemen am späten Nachmittag den jungen Leuten vor der Tür. Normalerweise können sie hier zweimal pro Woche, immer montags und donnerstags von 16 bis 19 Uhr, herkommen, Musik hören, abhängen, reden, Tischkicker spielen.Letzten Donnerstag gab es jedoch Ärger. „Eine Gruppe wollte ihre Macht auf die Probe stellen“, meint der Erzieher, der nach Ende des neuen Schülertreffs in Schalke die Zone 14 betreut.

 

Die jungen Männer randalierten in der Küche, die Folge ist eine Kollektivstrafe: Der Laden bleibt zu.„So etwas kommt immer mal wieder vor“, weiß David Klemen und schüttelt verständnislos den Kopf. Vor allem zu Beginn eines neuen Projektes müssten die Fronten geklärt werden, die Jugendlichen testen, wie weit sie gehen können – und schneiden sich damit ins eigene Fleisch.Gemeinsinn und Respekt sind in der Umgebung von Zone 14 Fremdwörter. Hier herrscht große Verwahrlosung, viele Jugendliche sind auffällig. „Einige Hinterhöfe sind die reinsten Müllhalden“, erklärt Bruder Anno. „Da laufen Ratten durch die Gegend, und schon die Kinder lungern auf der Straße herum.“Damit es gar nicht erst so weit kommen muss, dass Jugendliche grundsätzliche Regeln des Zusammenlebens nicht kennen oder respektieren, bauen die Amigonianer demnächst den Schülertreffin der Grillostraße aus. Neben einem zweiten Raum für Hausaufgaben, Basteln und Gesellschaftsspiele soll eine Küche für gesunde Mahlzeiten sorgen. Finanzielle Unterstützung kommt vom FC Schalke 04. Die gemeinnützige Stiftung „Schalke hilft!“ hat 10 000 Euro gespendet.„Damit können wir schon einiges erreichen“, sagt Bruder Anno mit Blick auf die Chipstüten der Hauptschüler. „Das ist hier ein ganz normales Mittagessen“, sagt er. „Für einen Euro kaufen sie sich Chips und Eistee. Das war’s.“Zeinab und ihre Cousine Susan freuen sich schon auf das erweiterte Angebot des Schülertreffs.„Das wird voll krass“, sagt Zeinab, strahlt, blickt um sich und beginnt einen Streit mit den Jungs um den Tischkicker.Derbe Sprüche fallen. Es wird geflucht, gedroht und gezetert. „Bushido ist mein zweiter Name“, sagt Zeinab mit einem breiten Grinsen und inszeniert sich in bester Rapper-Pose. „Die Kinder brauchen Vorbilder“, sagt Bruder Anno. Mit seiner sanften, aber konsequenten Art ist der Mönch zweifellos der Richtige.

Ein kickender Bruder mit einem großen Herz für Kinder und Jugendliche. „Wir wollen ihnen vermitteln, dass sie von Gott geliebt werden“, erklärt er. „Wir wollen gerade denen Liebe schenken, diewenig davon spüren.“ Wenn Zeinab, Miribam oder Fatih auf einen guten Weg kommen, freut sich Bruder Anno. Wenn er dann noch die Kinder seiner Ehemaligen aus dem Jugendtreff taufen darf, ist es für ihn ein besonderes Fest. Im vergangenen Jahr waren es sieben Täuflinge. „Offensichtlich spüren sie doch, dass da mehr ist“, sagt Bruder Anno auf dem Heimweg. Am Abend trifft er sich mit Lucinio, Alois und Tim zum Gebet in der Hauskapelle. Auch die katholische Männer-WG hat ihre festen Regeln.

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